Schneeschuhtour Ramolalm – Winter-Picknick auf der Ramolalm

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Ein kurzer Anstieg durch verwunschenen Zirbenwald führt zum schönsten Pausenplatz zwischen Similaun und Wildspitze

 

Eigentlich reicht es schon, das Auto kurz vor dem Dorf Vent zu stoppen und einfach nur zu staunen. Schon von weitem leuchtet die Dorfkirche mit dem ziegelroten Zwiebelturm aus dem tief verschneiten Tal. Das Schrägdach des Kirchenschiffs weist fast die gleiche verwegene Neigung auf wie die Hänge der Talleitspitze darüber. Wie eine Pyramide thront der Berg über dem Dorf, sein spitzes Gipfeldreieck ragt weit in das Tiefblau des Himmels. Das Dorf, die Kirche, der Berg, die weißen Hänge – eine Szene wie hingemalt, wie das Urbild eines Alpenidylls aus alten Zeiten. Mit einem kleinen Unterschied: Dieses Idyll hier ist echt.

 

Ein Blick auf die Uhr. Im altehrwürdigen Hotel Post wartet Wanderführer Hubert Klotz, die Tour zur Ramolalm steht auf dem Plan. Schnell das Auto geparkt, den Rucksack geschnappt – ein kurzes „Griaß’Di“ und los geht’s, ein paar Schritte durch den Ort, vorbei am Kaufladl, wo man vom Zirbenschnaps bis zu Langlaufskiern alles bekommt. Nach der Brücke zeigt Hubert auf einen steilen Hang zur Linken: „So, da oben liegt die Ramolalm, rund 300 Höhenmeter sind das. Da brauchen wir vielleicht 1,5 Stunden hin und zurück, ist eine einfache Tour“. Na, mal sehen. Am Waldrand angekommen checkt Hubert, ob die Riemen der Schneeschuhe stramm genug sitzen. Alles paletti, auch die Länge der Teleskopstöcke stimmt. „Du weischt jo, mit Schneeschuach die Füß‘ immer hüftbreit setzen“, sagt er noch. Doch statt weiter auf dem breiten Forstweg zu gehen, steigt Hubert ungerührt in den steilen Tiefschneehang zur Rechten ein. Na gut. Da lass ich mich nicht lumpen und steige ebenso ungerührt hinterher. Immer schön das Gewicht auf das Standbein legen, damit sich die Zacken des Schneeschuhs gut in den Grund fressen, dann läuft es wie geschmiert.

 

In kleinen Kehren zieht Hubert durch den Zirbenwald hinauf, schnell gewinnen wir Höhe. Plötzlich zeigt er auf Spuren im Schnee. Rehe, Hasen, Vögel – hier scheint ja mächtig was los zu sein. Hubert stammt vom Geierwallihof, einer der berühmten Rofenhöfe oberhalb von Vent. Er hat hier im Tal sein Leben verbracht und scheint jeden Baum, jedes Tier mit Vornamen zu kennen. Unter einer alten Zirbe hält er an, bricht einen Ast ab, hält mir die Bruchstelle unter die Nase – der Duft ist fast wie ein Schock, sehr intensiv, fast zitronig und macht beinah süchtig. „Jo jo“, lacht Hubert, „an den Inhaltstoffen vom Zirbenharz wird bis heute geforscht, weil er so viele positive Effekte hat: Er wirkt gegen Kopfweh, hohen Blutdruck und lässt einen gut schlafen.“ Fast eine Apotheke, dieser Baum, so scheint es. Beeindruckt steige ich weiter, bis sich der Wald schließlich lichtet, vor uns taucht die Spitze des Spiegelkogels hinter einem langen schneeverwehten Rücken auf. Da – wieder Spuren im Schnee.

 

Wie ein Profiler liest Hubert aus den Spuren die Laufrichtung und Geschwindigkeit ab, findet hier „Hase gmiatlich“, dort „Hase hektisch“ und weiter drüben „schnürender Fuchs“ – hat sich hier vor kurzem ein handfester Krimi abgespielt? Weiter oben stoßen wir auf den Tritt eines Rehs, dann die Fährte einer Gams. Ob wir auch die Tiere sehen werden? Wir stapfen weiter, dank der Schneeschuhe sinken wir kaum ein. Wolken mischen sich jetzt ins Himmelblau und malen bizarre Schatten auf die weißen Hänge. In der Ferne zeichnet sich die formschöne Silhouette des Similauns vom Himmel ab. Wir halten inne und schauen. Fotopause. Komisch, dass gerade die unberührte Bergnatur die Menschen am stärksten berührt. Die Stille ist raumgreifend, nur ein Tannenhäher folgt uns von Wipfel zu Wipfel und schnarrt von oben herunter. „Er meckert, weil wir durch sein Revier laufen. Der Tannenhäher ist hier der wichtigste Vogel, weil er die Zirbenzapfensamen verteilt“, erzählt Hubert. Ist ja schon gut! Wir pirschen weiter.

 

An einer 700-jährigen Zirbe halten wir an. Was dieser Baum wohl erzählen würde, wenn er reden könnte? Er hat Kriege und Eiszeiten überlebt, viele Menschen kommen und gehen sehen. Seit ich mehr über die Zirben weiß, schau ich diese Bäume anders an, geh nicht so achtlos dran vorbei. An der Wetterseite tragen die Äste einen langen Bart, so nennt man die Flechten hier. Wir spuren den Hang hinauf, erreichen einen flachen Boden. „Hier war einmal ein Stausee“, erklärt Hubert. Bald  folgt eine zweite Ebene, der Herrsgarten. Etwas später öffnet sich der Wald, darüber glänzen weite Hänge voller Schnee, der Spiegelkogel rückt näher – nur noch ein paar Höhenmeter, dann stoßen wir in einer Mulde auf den schlichten Bau der unbewirtschafteten Ramolalm. Ziel erreicht. Der Ausblick ist tatsächlich gewaltig. Hinüber zum Similaun, in zwei Täler, das Niedertal und das Rofental, darüber die Guslarspitzen und da ist auch der Star des Ötztals, die 3.768 3.772 Meter hohe Wildspitze. Tief unten marschiert ein Trupp Tourengeher den breiten Weg zur Martin-Busch-Hütte hoch. Außer uns hat keiner den Weg herauf zur Ramolalm gefunden, sie gehört heute ganz exklusiv uns. Diese hochalpine, tief verschneite Bergwelt in Weiß ist eine ziemlich fette Belohnung für einen kurzen Aufstieg von knapp einer Stunde.

 

Zeit für einen heißen Schluck Tee aus der Thermoskanne, dazu ein würziges Ötztaler Käsbrot. Am Berg braucht man einfach „eppas Guets“, weiß Hubert und erzählt: „Dort unten am Fuß der Talleitspitz liegt der Hohle Stein, ein felsiger Überhang, unter dem schon die Hirten der Steinzeit genächtigt hob’n.“ Ich schweige beeindruckt und freu mich doppelt auf mein üppiges Federbett im Hotel Post. „Da, schau!“, raunt Hubert plötzlich halblaut und reicht den Guggar rüber, so heißt der Fernstecher auf Ötztalerisch. Tatsächlich! Auf gleicher Höhe stehen, zwei Steinwürfe entfernt, drei Gämsen und zupfen mageres Berggras von einem aperen Fleck. „Im Winter senken die Gämsen ihre Körpertemperatur auf 16°C und leben vom Speck, den sie sich im Sommer ang’fressen haben.“ Echte Überlebenskünstler, diese Tiere. Um sie nicht zu verschrecken, was ihnen unnötig Energie rauben würde, packen wir leise zusammen. Randvoll mit Eindrücken schleichen wir zurück ins Tal.

 

Vent Ramolalm (2215 m), ca 300 hm, Aufstieg ca. 1 ½ h, Abstieg ca. 1 h, Route: Ramolalm (unbewirtschaftet),

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