Island – Erstbegehungen auf der Vulkaninsel

Neues Spiel neues Glück! Albert Leichtfried und Benedikt Purner wagten im Februar 2016 das Roulettespiel Eisklettern in Island. Dieses Mal hatten sie Glück – Island war tiefgefroren und die beiden konnten einiges an Neuland im Eis entdecken. Neben mehreren Erstbegehungen gelang ihnen auch die Erstbegehung des ersten Eisfalles in Island im siebten Schwierigkeitsgrad – ‘Tröll leikhus’ in Austurárdalur.

Bereitet man eine Eiskletterreise nach Island vor, so kommt es einem wirklich wie ein Roulettespiel vor. Die knapp unter dem Polarkreis liegende Vulkaninsel lässt auf kalte Temperaturen im Winter schließen. Doch durch den ständig präsenten Golfstrom aus Südwesten werden nahezu konstant warme Luftmassen mit der warmen Meeresströmung nach Island gebracht. Immer wieder gibt es auch während der Wintersaison extreme Wärmeperioden, welche meist die gesamte Eislandschaft binnen weniger Tagen abschmelzen lassen. Beim dritten Anlauf nach Island warten wir deshalb so lange es geht mit der Buchung der Flüge ab. Wie schon bei unseren vergangenen Eiskletter-Reisen nach Island, ist es schließlich Mitte Januar wieder soweit. Der bisher optimal verlaufende Eiswinter scheint bereits frühzeitig zu Ende zu gehen. Eine Wärmeperiode von nur vier Tagen mit Temperaturen bis zu 9 Plusgraden verheißt nichts Gutes. Ich kontaktierte einige meiner Freunde in Island, um einen Schadensbericht zu erhalten. Zum Glück sind wir mit einem blauen Auge davongekommen – das Eis ist zwar schwer beschädigt, jedoch noch komplett vorhanden. Und für Mitte Februar bahnt sich eine vielversprechende Kälteperiode an. Wir buchen also unsere Flüge und hofften, dass wir damit auf die richtige Farbe gesetzt haben.


Der Start unserer Reise wird vom Eiskletterfestival in Kaldakinn, zu dem wir herzlich eingeladen sind, bestimmt. Dazu müssen wir erst einmal rund 600 km von Reykjavik in den Norden fahren, zu einem der spektakulärsten Plätze zum Eisklettern die ich kenne. Direkt am Meer liegt die Farm von Peter Bjorg (www.bjorgum.is/icebjorg/), etwa 40 km von der Zivilisation entfernt. Zusammen mit etwa 40 isländischen Eiskletterern und der Familie Bjorg verbringen wir eine geniale Zeit in Kaldakinn. Uns gelingt gleich am ersten Tag eine Erstbegehung zwischen den unzähligen Eislinien in Kaldakinn (X-Files: WI6, M6). Gleich am nächsten Tag erwischen wir das Seacliff mit einem annehmbaren Wasserstand bei Ebbe und überlegen nicht lange – zwischen den immer näherkommenden Wellen klettern wir direkt vom Strand eine neue Linie und nennen sie unseren Eindrücken nach Sex on the beach (WI5+).

Es fällt uns schwer, diesen unglaublich gastfreundlichen und vom Ambiente atemberaubenden Platz Kaldakinn nach drei tollen Eisklettertagen zu verlassen. Doch unsere Reise geht weiter in den Osten, wo wir uns beim „King of the Eastfjords“ Sævar direkt an seinen Strandhütten in Eskifjördur einquartierten. Bedauerlicherweise ist der Golfstrom schon wieder aktiv, sodass eine extrem starke Regenfront das komplette Eis an den Seacliffs im Osten zerstört. Nach einer 1000 Meter langen alpinen Eiskletterei am Holmartindur verlassen wir den Osten schon wieder, um im Süden nach Neuland zu suchen. Auch dort lässt der durchgezogene Regen unsere Hoffnungen auf Eis sinken. Doch, wie hießt es so schön: „die Hoffnung stirbt zuletzt“ – und so wartet in Hof eine unglaublich steile Eisstruktur auf uns – Palli’s Pillar (WI5).

Nach etwa 3000 gefahrenen Kilometern sind wir wieder in Reykjavik angekommen, um dort den Rest unserer Reise zu verbringen. Auch der Abschluss kann mit dem Beginn mithalten – nach einem Abenteuer in der 200 Meter tiefen Schlucht des Glymur können wir noch zwei anspruchsvolle Routen klettern. Zum einen sind wir in Austurárdalur genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ein über 10 Jahre altes Eisprojekt der Isländer hat sich gerade jetzt zum Klettern geformt. Motiviert durch die Locals schauen wir hin und klettern Töll leikhús (WI7-), ein sich ständig im Wandel befindlicher Eisfall mit extremen Wasserdruck. Der Zeitpunkt für die erste Begehung muss sorgfältig gewählt werden, denn die Kletterei verlangt eine durchaus sanfte Klettertechnik in der Schlüsselstelle, einem Übergang von frei fallenden Säulen über ein Eisdach. Zu guter letzt legen wir mit der Erstbegehung von Hard five (WI6+, M8), einer Sportkletter-Mixedroute im neuen Modegebiet Bolakletur, den Schlussstein einer intensiven und eindrucksvollen Reise nach Island.

Eine gute Übersicht der verschiedenen Gebiete und Routen (leider noch wenig in Englisch) findet sich auf der Seite des Isländischen Alpenvereines: www.isalp.is/en/category/crag.

Text: Albert Leichtfried
Bilder: Elias Holzknecht, www.woodslave.com

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